Eurythmie kann man nicht machen, ohne sich wirklich zu begegnen

Ein Gespräch mit Studenten des H-Kurses

 

Was bedeutet für Euch ein Eurythmiestudium in der heutigen Zeit? Warum seid Ihr hier?

Lavinia: Für mich ist das etwas wie ein Raum, in dem ich mich mit mir wohlfühle.

Evangelina: Auch wenn ich nicht immer motiviert bin – nach jeder Eurythmiestunde geht es mir besser mit mir selbst. Es ist immer wieder die richtige Entscheidung, herzukommen und Eurythmie zu machen. Es entstehen Erlebnisse, die Inspiration und Kraft geben. Einmal hatte ich so ein Erlebnis beim Ballen und Lösen – ich war plötzlich in meinen Augen drin und konnte den Raum wirklich wahrnehmen – es fühlte sich an wie Fliegen! Das hat mich den ganzen Tag getragen.

Emilia: Ich bin durch die Heileurythmie zur Eurythmie gekommen – gesund werden mit der Eurythmie ist mein Thema. Ich schaffe es immer mehr, mich zu greifen, bei mir anzukommen. Die Dinge vertiefen sich durch das Studium – beispielsweise bin ich jetzt morgens beim Aufwachen viel schneller präsent.

Evangelina: Richtung und Aufrichtung – auch seelisch, das ist sehr wichtig. Die Eurythmie verändert mich – ich stehe anders da, und stehe anders zu mir selbst.

Nina: Das Studium hat auch mit mir ganz persönlich zu tun – und wirkt bis in den Alltag, es verändert meinen Umgang mit anderen Menschen. Man studiert ja nicht allein, man übt im Kurs das Miteinander – da lernt man, mit ganz vielen unterschiedlichen Meinungen umzugehen und trotzdem etwas Gemeinsames zu schaffen.

Maya: Bei mir war es eine Art innerer Drang, herzukommen – ich weiß gar nicht mehr genau, wann das begann. Es ist sehr spannend, auf diese Reise zu gehen, Sachen neu zu entdecken… es gibt jeden Tag so kleine „Wow“-Momente. Das Ich und das Wir zu spüren, schafft eine besondere Verbindung zu den anderen Menschen, man merkt, dass wir alle zusammenhängen, dass alles mit allem zusammenhängt.
Meine Träume haben sich sehr verändert. Sie sind viel klarer geworden, und ich kann mich besser an sie erinnern. Eurythmie hat etwas Seelenheilendes.

Richtung und Aufrichtung – auch seelisch, das ist sehr wichtig. Die Eurythmie verändert mich – ich stehe anders da, und stehe anders zu mir selbst.

 

Wie erlebt ihr

das gemeinsame Studieren am Eurythmeum?

Lavinia: In Italien hatte ich schon Eurythmie gemacht – dann bin ich nach Stuttgart gegangen. Es ist schwer, konkret zu fassen, wie ich das erlebe. So, wie wenn man ein neues Kleid anzieht… In der Eurythmie bin ich ein anderer Mensch. Erklären kann ich das nicht, nur beim Tun fühlen.

Emilia: Das Studium ist bewegt, alles ist in Bewegung und dann ist da noch der Alltag drum herum, da kommt man oft an seine Grenzen. Und je nachdem, wie es einem gerade geht, nimmt man auch die anderen und das Miteinander anders wahr. Das Eurythmeum ist ein Ort, an dem man begleitet wird in diesem gegenseitigen Wahrnehmen.

Nina: Man kann sich nicht verstecken in der Eurythmie – jeder nimmt wahr, wie es dem anderen gerade geht. Damit muss man umgehen.

Lavinia: In Italien weißt Du in zwei Monaten alles über jeden. Hier ist das anders, und dann hindert mich natürlich auch die Sprache, ich kann nicht so genau fragen, wie ich möchte. In Italien passiert das einfach so, in Deutschland brauchen diese Prozesse mehr Zeit. Am Anfang war das schwierig für mich.

Man kann sich nicht verstecken in der Eurythmie – jeder nimmt wahr, wie es dem anderen gerade geht.

 

Ihr habt Euer Studium begonnen, als die Coronakrise auf dem Höhepunkt war. 

Wie seid Ihr mit den Herausforderungen dieser Zeit umgegangen?

Nina: Ich war beeindruckt und sehr froh, wie hier am Eurythmeum mit Corona umgegangen wurde. Zu Beginn habe ich mir schon Sorgen gemacht, was passiert, wenn ein Lockdown kommt. Viele Freunde haben erzählt, dass sie ihre Kommilitonen noch gar nicht kennen, weil alles nur online stattfindet. Die Vorstellung, wochenlang allein in einer fremden Stadt zu sein, war bedrückend. Ich war so erleichtert, dass es ganz anders gekommen ist! Die Dozenten haben uns durchgetragen, hatten immer kreative Lösungen, die ausgefallenen Epochen wurden nachgeholt – das alles hat uns die Sicherheit gegeben, dass es weitergeht.

Maya: Ich habe mehr und mehr gemerkt: hier kann ich bleiben. Statt eines Abbruchs gab es Sicherheit, man konnte sich fallen lassen. Am Anfang fand ich es sehr schwierig mit den Masken – wir kannten uns ja kaum, und das gab einem noch mehr Abstand im Gefühl zueinander.

Lavinia: Die Zeit war sehr schwierig. Ich hatte keinerlei Kontakte außerhalb des Eurythmeum. Im ersten Lockdown war ich in Italien mit der Familie, ich kannte den Ort, die Menschen… Hier kannte ich niemanden. Ich vermisse Menschen! Ich weiß gar nicht, wie die Menschen hier außerhalb des Eurythmeum sind!

Emilia: Ich habe gar nicht mehr viel Kraft übrig neben Studium und Job – ob ich ohne Corona mehr anderes gemacht hätte, ist eine Frage! Das ist eine Herausforderung des Studiums hier: Wie kann ich es ernst nehmen und trotzdem nicht den Kontakt zur Welt verlieren? Es gibt so viele tolle Angebote auf dem „Hügel“ – in der Christengemeinschaft, im Rudolf Steiner-Haus – man könnte auch einfach nur hierbleiben.

Maya: Corona berührt nicht die Eurythmie an sich. Corona ist einfach „draußen“ geblieben, alles Schwierige, Ungesunde kam gar nicht herein ins Eurythmeum – das war echt schön! Wäre ich ohne Corona ans Eurythmeum gekommen? Vermutlich schon – aber der Lockdown hat mich dazu gebracht, in aller Tiefe darüber nachzudenken, was ich wirklich machen will. Und diese Suche hat mich hierhergeführt.

Nina: Ohne die Coronaeinschränkungen hätte ich die Eurythmie vielleicht gar nicht kennengelernt… Ich habe eigentlich eine Geigenbaulehre gemacht. Aber wegen Corona war es schwer, eine Stelle zu finden und so habe ich stattdessen als Au-Pair bei einer Familie ausgeholfen. Dadurch habe ich erst die Waldorfschule kennengelernt und dann die Eurythmie...

Lavinia: Während Corona hatte ich Zeit nachzudenken. Es gab eine Distanz zwischen mir und den Menschen. Und dann kam ich hier her, und alle denken wie ich! Es ist wie in der Familie – eine Seelenfamilie.

Emilia: Corona hat die Eurythmie noch ein Stück „gehoben“. Eurythmie kann man nicht machen, ohne sich wirklich zu begegnen. Alle sind im Lockdown – und wir treffen uns hier und suchen zusammen einen Weg!

Corona hat die Eurythmie noch ein Stück „gehoben“. Eurythmie kann man nicht machen, ohne sich wirklich zu begegnen. Alle sind im Lockdown – und wir treffen uns hier und suchen zusammen einen Weg!

 

Die Anthroposophie ist in Stuttgart sehr präsent.

Welche Rolle spielt sie für Euch?

Emilia: Eurythmie hat mit mir persönlich zu tun – und mit Anthroposophie. Man bewegt etwas in der Eurythmie – und es steckt so viel dahinter! Wenn man sich mit der Anthroposophie beschäftigt, vertieft das auch die Eurythmie. Mein eigener Bezug dazu ist manchmal dichter, manchmal weniger nah.

Evangelina: Das Jugendseminar war wichtig für mich. Dort habe ich die Eurythmie kennengelernt, ein Jahr gewohnt, Freundschaften geschlossen und ein Zuhause gefunden.

Sophia: Ja, es war dort eine Welt für sich – ein schöner Ort. Die Anthroposophie wurde sehr lebendig gelebt.

Lavinia: Auch wenn ich die Sprache nicht gut verstehe – ich kann die Anthroposophie „atmen“, fühlen. Man sieht es den Leuten an… Hier ist ein guter Ort, um die anthroposophische Energie aufzunehmen. Aber manchmal kann es auch ein bisschen sehr „klösterlich“ sein…

Hier ist ein guter Ort, um die anthroposophische Energie aufzunehmen.

 

Noch einmal zurückgeblickt:

wie habt Ihr den Studienbeginn miteinander erlebt?

Emilia: Es war spannend, dem Kurs zum ersten Mal zu begegnen – was sind das für Leute, mit denen ich hier studieren werde? Wir waren am Anfang total unharmonisch, auch in der Bewegung – das entwickelt sich langsam, aber zu einer Stärke. Wir können Bewegung in die Strukturen bringen.

Nina: Ich habe bis zu den Herbstferien gebraucht, bis ich dieses Gespür für die anderen hatte. Man muss ja sofort sehr eng zusammenarbeiten, obwohl man sich noch gar nicht kennt…

Emilia: Aber wir haben ganz unterschiedliche Empfindungen!

Nina: Das ist das Schwierigste: wie kommt man zusammen, ohne dass jemand sein Eigenes komplett aufgeben muss? Es ist toll, wenn man sich auch mal gegenseitig zuschauen kann – da sieht man dann, was der andere an dem Stück erlebt. Einigen muss man sich danach aber immer noch….

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