Wir lernen zusammen, nicht nur von den Dozenten.

Ein Gespräch mit Studenten des G-Kurses

 

Warum studiert Ihr Eurythmie, was ist Euer Ziel?

Daniel: Am Anfang dachte ich: Eurythmie, das ist cool! Ich könnte mir gut vorstellen, Eurythmielehrer zu werden. Aber jetzt ist mir erst einmal mein Kurs sehr wichtig geworden, wir sind eng miteinander verwoben und sogar das kalte Stuttgarter Wetter kann ich als Kalifornier dadurch besser verkraften. Was nach dem Studium kommt? Das ist im Moment noch ganz offen.

Janique: Ich wollte von Anfang an Eurythmielehrerin werden, und das ist auch so geblieben. Ich hatte tolle Lehrer in meiner Waldorfschulzeit! Und die Arbeit mit Kindern macht mir Spaß.

Ayleen: Mein Impuls zum Studium kam auch durch eine wunderbare Lehrerin. Es stand für mich ab der 11. Klasse fest, dass ich Eurythmie studieren will, ich wusste nur noch nicht, wann und wo. Ich habe dann schließlich doch direkt nach dem Abitur in Stuttgart begonnen. Als ich dann in diesem Kurs stand, wusste ich: „Das sind meine Menschen, mit denen will ich studieren!“ Die Eurythmie ist soviel mehr als ich ahnte… Ich studiere jetzt nicht mehr nur um der Sache willen, sondern auch, um einmal etwas damit zu tun.

Daniel: Ja, wir haben uns hier gefunden, und wir wollen etwas mitnehmen. Bei mir ist es die Mischung aus Kunst, einem soliden Bachelorabschluss, der spirituelle Aspekt, der innere Raum, mit meiner Energie zu arbeiten – und dann auch zeigen, was man gearbeitet hat. Diese Mischung ist einzigartig! Nur die Pünktlichkeit in den Stunden, das ist so ein Thema für mich….

Hernsie: Ich wollte etwas mit Anthroposophie machen. Ich habe zunächst eine anthroposophische Krankenpflegeausbildung gemacht, obwohl ich eigentlich schon gleich nach dem Abitur Eurythmie studieren wollte. Warum? Ich bewege mich gerne, ich habe starkes Interesse an der Anthroposophie, und Eurythmie ist schön. Aber wie kann ich diesen Studienwunsch rechtfertigen, wenn die Welt doch so dringend Krankenschwestern braucht? Darüber habe ich viel nachgedacht, und bin auf folgendes gekommen: wir bewegen uns in einer materiellen Welt, in der alles nach außen gerichtet ist. Und da ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die nach innen arbeiten, die ihre Seelenkräfte, ihr Denken, Fühlen und Wollen, dem Geistigen widmen.

Gooyoung: Ich bin der Anthroposophie an der Universität in Seoul begegnet, da gab es einen Kurs „Waldorfpädagogik“. Ich habe sofort angefangen, mehr darüber zu lesen… Als mir eine Freundin dann erzählt hat, dass die (inzwischen gegründete) Waldorfschule in Seoul eine Englischlehrerin sucht, habe ich mich sofort beworben. Und dort habe ich dann die Eurythmie kennengelernt… Ich habe sie zum ersten Mal im Unterricht gesehen – das hat den Kern meiner inneren Motive getroffen! Dann gab es einen Workshop in Sozialeurythmie – das war eine tiefe Erfahrung. Es war ein ganz einfaches Gedicht – aber etwas passierte im Inneren der Menschen – das war einfach schön. Genau das brauchen wir alle, Kinder wie Erwachsene.
Es war für mich keine einfache Entscheidung, hierherzukommen, die Sprache fällt mir ziemlich schwer. Es war zuerst die Frage, ob ich in die USA oder nach Deutschland gehe – und ich habe mich für das „Original“ entschieden.

Sol: Ich habe traditionelle koreanische Musik studiert und das dann auch an der Waldorfschule unterrichtet. Das war eine sehr überraschende Erfahrung – der Raum, die Stimmung, die Haltung der Menschen… das kannte ich so gar nicht. Ich wollte diese Waldorfpädagogik näher kennenlernen, bin dann in Stuttgart zuerst ans Jugendseminar gekommen und habe dort die Eurythmie im Tun kennengelernt. An der Schule habe ich sie gesehen – das kam mir zunächst etwas komisch vor, aber dann habe ich festgestellt: das macht Spaß! Es gibt so viele Momente, wo ich etwas fühlen lerne – über mich, über eine andere Welt, einen anderen Raum…

Es ist die Mischung aus Kunst, einem soliden Bachelorabschluss, der spirituelle Aspekt, der innere Raum, mit meiner Energie zu arbeiten – und dann auch zeigen, was man gearbeitet hat.

 

Wie erlebt ihr

das Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Individualität im Studium?

Hernsie: Super schwierig! Es ist eine Lebensschule mit ständigen Krisen. Individualität in einer Gemeinschaft zu leben ist schwerste Herausforderung. Ich erlebe mich als Ich-Mensch – die Gefahren dabei sind entweder Eitelkeit oder ein Sich klein machen. Wir sind soooo unterschiedlich! Obwohl wir als Kurs so harmonisch erscheinen. Man lernt viel über sich selbst durch die anderen – ein durchaus schmerzhafter Prozess… Und es braucht Mut, schwierige Themen anzusprechen. In der Pflegeausbildung gab es solche Fragen auch, aber hier sind wir intimer verbunden.

Julius: Für mich war das die größte Überraschung, dass die sozialen Erlebnisse eine solch enorme Rolle spielen. Der Kurs formt mich mehr als ich mich selbst! Zum Beispiel, wenn ein neues eurythmisches Element angelegt wird: Wie erlebe ich es? Wie geht es den andern damit? Man bekommt ständig Eindrücke von allen. Das ist eine intensive Erfahrung und Bereicherung, Es gibt so viele verschiedene Zugänge… Wir sind als Kurs auf diesem Weg – das ist ein extrem wichtiger Teil des Studiums. Das war mir vorher nicht so klar.

Benedikt: Um diese individuelle Menschlichkeit geht es ja, um das zusammen Wirken wollen. In der Welt wird das meist umgangen. Das Soziale ist da nur eine Notwendigkeit, damit die Sache funktioniert. Hier ist es das Gegenteil.

Julius: Die Eurythmie funktioniert nicht ohne das Miteinander.

Hernsie: Jetzt im 2. Jahr kommen wir mehr in Fluss. Ich fühle mich wohl, komme weiter, bin in Einklang – und die andern auch! Ich gliedere mich ein in den Strom – das ist tief beglückend und befriedigend.

Janique: Es gibt faszinierende Momente der Harmonie zwischen uns allen, Und dann stößt man sich wieder an den Individuen – beides ist wichtig, um zu wachsen.

Sol: Wir lernen zusammen, nicht nur von den Dozenten.

Daniel: Das ist aber auch schon Kursspezifisch. Wir sind gut in Kommunikation!

Ayleen: Ja, es geht da auch um ganz konkrete Absprachen. Gemeinsame Kolloquien sind da ganz wichtig für uns. Es braucht Kommunikation im Eurythmischen und im Verabredungsmäßigen. Und Raum für menschliche Begegnung, auch außerhalb des Unterrichts. Wir essen zusammen und backen Kuchen, nach jedem Abschluss. Wir sind schon bekannt als Kuchenbackkurs. Oder wir gehen in die Therme…

Benedikt: Einmal waren wir auch im Wald.

Um diese individuelle Menschlichkeit geht es ja, um das zusammen Wirken wollen. In der Welt wird das meist umgangen. Das Soziale ist da nur eine Notwendigkeit, damit die Sache funktioniert. Hier ist es das Gegenteil.

 

Wie geht Ihr um

mit den Herausforderungen des Studiums?

Hernsie: Man ist oft erschöpft – wenn man ständig Geist und Körper anstrengen muss. Da kommt man durchaus an die Grenzen des Ertragbaren. Es ist viel! Und viel drumherum… Da wachsen die Reibungsflächen und es braucht Kraft, sich zusammenzufinden. Wir haben sehr hilfsbereite Menschen wie Benedikt, die etwas anpacken – da können dann die andern nachziehen.

Gooyoung: Wir haben so viele Farben – das hilft uns. Der Zusammenhalt trägt uns durch die Intensität des Studiums.

Julius: Das Eurythmeum in ein Vorbild, wie es in dieser schwierigen Welt auch gehen kann. Wenn ich hier Eurythmie studiere, dann „dusche“ ich mich mit diesem privilegierten Umfeld. Es entwickeln sich einzigartige menschliche Qualitäten, wo sich so viele zusammenfinden. Ich lebe im Moment darinnen – und in dieser Erfahrung baut sich etwas auf, was ich mitnehmen kann in die Welt. Denn das wünsche ich mir: sie mitzunehmen und weiterzugeben, diese Strahlkraft des Eurythmeum.

Ayleen: Ja, so eine Weltflucht-Bubble ist wichtig, um etwas zu bilden, was man dann nach außen tragen kann. Man muss sich mit der Welt auseinandersetzen, aber man braucht auch diesen Bilderaum. Gerade in der Coronazeit war das zu erleben: Es wurde alles getan, damit wir weiter in Präsenz unterrichtet werden konnten. So etwas ist nicht selbstverständlich.

Benedikt: Rein praktisch gesehen ist man hier – vom Bewusstsein her fühlt man sich aber auch in der Welt. Wir hatten einen Nachmittag zum Kriegsgeschehen in der Ukraine, wir mussten uns mit den Coronaverordnungen auseinandersetzen – das alles tragen wir im Bewusstsein.

Das Eurythmeum ist ein Vorbild, wie es in dieser schwierigen Welt auch gehen kann.

 

Wie schaut Ihr gerade

auf Euer Studium?

Hernsie: Wir haben jetzt alle die ersten Tonsoli auszuarbeiten. Ich hatte mir ein ganz zartes Stück von Chopin ausgesucht – und dann festgestellt, dass es einfach nicht in diese Zeit passt! Klar bin ich noch Studentin – aber mir ist das eine Frage, wie ich das, was ich mache, mehr mit der Zeit, in der ich lebe, verbinde. In der Eurythmieausbildung besteht schon das Risiko, dass man zu „konserviert“ arbeitet. Wie spreche ich eurythmisch mehr aus der Gegenwartssituation?
Die gegenwärtige Seele – wie schaut sie aus? Mit all ihrer Dramatik, aber auch mit all ihren Chancen? Und wie fasst man Gegenwartsfragen in der Kunst, ohne sich zu verlieren? Das neue Programm des Else-Klink-Ensembles geht in diese Richtung.

Julius: Ja… was hat klassische Musik mit dem Zeitgeist zu tun? Was bringt das für den Menschen der Gegenwart? Unser Studium ist zunächst darauf beschränkt – auf das Kraftgebende, Nährende, Aufbauende, was darin zu finden ist.

Benedikt: … und dann kann man sich im nächsten Schritt daran wagen, eurythmischer Zeitgenosse zu werden… wie?

Ayleen: Man muss es ja auch innerlich ergreifen können. Das braucht eine Entwicklung – daher knüpfen wir beim „Alten“ an, um darauf aufbauen zu können – das Aktuelle und das Zukünftige.

Gooyoung: Als ausgebildete Pianistin kann ich sagen: moderne Musik ist extrem schwer zu gestalten, sie kommt aus einer ganz speziell-individuellen Seelenverfassung. Die klassische Musik ist viel stärker mit dem eigentlich Seelischen verbunden. In der Sprache ist das für mich anders.

Hernsie: Schiller sagt das so: „Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf; leiste deinen Zeitgenossen, was sie bedürfen, nicht was sie loben.“ Das Zeitgenössische muss nicht unbedingt das Aktuelle sein. Zum Beispiel Beethovens letzte Klaviersonate in c-moll – da erlebe ich Gegenwärtigkeit!

Benedikt: Der Grund, warum wir uns das hier auf der Uhlandshöhe erlauben, so exklusiv und vertieft mit klassischer Musik und klassischen Texten umzugehen – das ist, weil wir Zeitgenossen WERDEN wollen! Aus der Vergangenheit holen wir uns die Tiefe. Ein Grundschüler geht ja auch nicht direkt an die Börse! Die Welt braucht es, dass man in sich geht, in sich arbeitet, um dann in die Welt gehen zu können. 


Julius: Und wie kann man einen Ort so gestalten, dass Menschen dort Eurythmie aus der Tiefe lernen können – auch äußerlich, bis in die Stundenplangestaltung hinein? Da erleben wir alle immer wieder Krisen. Wenn man Neues, Unbekanntes lernt, wirft das Fragen auf: Wie gehe ich da ran, wie finde ich einen Bezug dazu? Das braucht innere Beschäftigung, intime Räume. Ich brauche mehr Zeit für diese innere Beschäftigung, mehr Zeit, mir die Dinge zu eigen zu machen. Das wäre mein großer Wunsch an die Studiengestaltung!

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