Tania Mierau / Leitung Eurythmeum/Ausbildung

sie ist ein klingen und singen aus der innerlichkeit.

Geboren 1969 in London/England, nach dem Abitur ein anthro­posophisches Studien­jahr am Seminar für Waldorf­pädagogik
1991–1998 Eurythmie- und Bühnen­ausbildung am Eurythmeum Stuttgart
Seit 1997 als Dozentin in der Eurythmie­ausbildung tätig
2010 Master of Arts in Education/Eurythmie, University of Plymouth
Seit 2016 Professorin für eurythmische Kunst

Schon in meiner Schulzeit habe ich empfunden, dass die Eurythmie etwas Besonderes ist. Es gab diese berührenden Momente im Unterricht, aber auch bei Bühnenaufführungen. Ich durfte zum Beispiel als ganz junge Schülerin im Karlsruher Theater den „Peer Gynt“ vom Else-Klink-Ensemble anschauen: diese Aufführung hat mich nachhaltig beeindruckt! Trotz oder vielleicht gerade wegen meiner staunenden Begeisterung bin ich dann zum Ende der Aufführung hin erschöpft und glücklich im Theater eingeschlafen.

Während der Schulzeit schien zunächst vollkommen klar zu sein, dass ich Musik studieren würde. Ich hatte bereits viele Jahre sehr intensiv Geige gespielt und liebte die Musik und das Musizieren. Als ich dann nach der Schule zuerst einmal eine Zeit als Au-Pair in meinem Geburtsland England verbrachte, war plötzlich gar nichts mehr klar.

So viele Fragen tauchten auf und wollten beantwortet werden: Was ist eigentlich meine Aufgabe? Welche Impulse trage ich in mir? Womit möchte ich mich verbinden? Welche Lebensziele will ich verfolgen?

Das war schon eine ziemlich heftige Krise, weil ich in dieser Zeit einfach keine Antworten auf diese Fragen fand. Das hat mich unglaublich verunsichert. In dieses innere Chaos hinein fragte mich ein naher Verwandter, warum ich eigentlich nicht Eurythmie studieren wolle. Tatsächlich hatte ich die Eurythmie zwischenzeitlich ganz aus dem Blick verloren, aber in diesem Moment dachte ich: Dieser Spur werde ich folgen, das hat etwas mit mir zu tun! Erst einmal habe ich dann das Proseminar am Lehrerseminar in Stuttgart besucht, um mich in der Anthroposophie zu vertiefen, die mich sehr interessierte. Danach habe ich mit dem Eurythmiestudium begonnen. Man könnte annehmen, dass es einfach naheliegend war, ans Eurythmeum zu gehen, aber es war eine ganz bewusste Entscheidung: Ich stand eines Tages vor dem Eurythmeum und empfand deutlich: Dies ist mein Ort! Das war ein tiefes Erlebnis.

Mein Kurs war damals sehr revolutionär! Wir haben eigentlich immer alles in Frage gestellt. Ich habe unglaublich gerne in diesem Kurs studiert und wir hatten auch sehr gute Dozenten.

Und dann die Stunden bei Else Klink: die Stimmung um sie herum war wirklich eindrücklich – aber auch speziell: schon wie sie die kleine Treppe im Großen Saal herunter kam; mit ihrer langen Stola ... ich werde dieses Bild nicht vergessen, es war wie aus einer längst vergangenen Zeit! Sie war damals schon über 80 Jahre alt und wir waren der letzte Kurs, dem sie den Anfangsunterricht gab. Es waren eindrucksvolle, man könnte sagen „kosmische Stunden“.

Im zweiten Jahr durfte ich bei den Proben für das Klarinettenquintett von Brahms für die Bühnengruppe Geige spielen. Es war spannend, die Bühne und Else Klink in der Bühnenarbeit in Aktion zu erleben. Bei den Proben war Else Klink sehr freundlich zu mir – aber am nächsten Tag, als ich im Unterricht wieder als Eurythmiestudentin vor ihr stand, da hat sie mich dann ganz schön heruntergeputzt!

Als Else Klink starb, war ich im Abschlussjahr. Ich bin dankbar dafür, dass ich sie noch erleben durfte. Sie war eine starke Persönlichkeit und eine große Künstlerin. Unendlich viel hat sie auf den Weg gebracht und mit und für die Eurythmie erreicht, nicht zuletzt die künstlerische Anerkennung der Eurythmie in der Kulturwelt, weit über die Landesgrenzen hinaus.

Nach dem Abschluss gründet mein Kurs die erste feste Märchengruppe am Eurythmeum. Schon damals studierte Michael Leber das Märchen ein, alle andere Arbeit lag in unserer Eigenverantwortung. Es gab auch noch keine Stipendien damals, wir mussten unser Einkommen komplett selbst erwirtschaften. Es war eine wichtige Lehrzeit für uns alle.

Dann hatte ich großes Glück: Gleich in meinem ersten Bühnenjahr im Else-Klink-Ensemble, fand unter der Leitung von Michael Leber 1997 eine große Tournee nach Amerika statt. Das war eine unglaubliche Erfahrung! ich hatte tolle Rollen, unter anderem den Fuchs in Saint-Exupérys „Der Kleine Prinz“ und eine Hexe in „Macbeth“. Wir tourten mehr als sechs Wochen durch die U.S.A. und Kanada, waren in allen großen Städten und haben in großen Theatern aufgeführt. Diese Tournee war wirklich ein Höhepunkt für mich, auch wenn weitere, grandiose Tourneen folgten, nach Japan, Korea, Neuseeland, Thailand ... Die Eurythmie in die Welt zu bringen und die künstlerische Arbeit im Ensemble schienen genau das zu sein, was ich wollte. Ich war sehr glücklich und zufrieden damit.

Ende 1997 wurde ich gefragt, in der Eurythmieausbildung zu unterrichten. Das habe ich von Anfang an sehr gern getan. Mein Fokus war nun nicht mehr allein nur auf die Kunst hin ausgerichtet, sondern erweiterte sich um die Fragen einer professionellen Ausbildung in dieser Kunst.

Die Beziehung zwischen den Studenten und Dozenten hat sich in den letzten zwanzig Jahren sehr verändert. Heute sind die Studierenden in wichtige Entscheidungen mit einbezogen, sie bringen sich ein und tragen auch Verantwortung mit.

Nach einigen Anfangsjahren als Dozentin in der Eurythmieausbildung habe ich ein knappes Jahr lang in anderen Eurythmieschulen hospitiert und auch unterrichtet. Ich wollte andere Zugänge und Herangehensweisen für die Ausbildung kennenlernen. Das war eine lehrreiche und wichtige Zeit, in der ich meine eigenen Anliegen in der Ausbildung schärfen und herausarbeiten konnte.

Im ersten Ausbildungsjahr lege ich großen Wert auf das Bilden des eigenen Instruments – das ist ein anstrengender Prozess für die Studenten, ist aber in meinen Augen eine absolute Notwendigkeit. Man muss lernen, seinen Leib aus der Eurythmie zu ergreifen. Wenn das am Anfang versäumt wird, ist das später kaum mehr nachzuholen. Wir Eurythmisten sprechen ja davon, dass im ersten Ausbildungsjahr der physische Leib geschult wird, im zweiten der Ätherleib und so weiter. Das ist aber nicht ein Fokussieren auf nur eine Ebene – die Frage ist vielmehr, wie man die Elemente, die Bewegung so anregen und anlegen kann, dass die physische Bewegung von Anfang an erlebt, eurythmisch ergriffen und durchseelt wird. Das hat mit Konzentration zu tun, mit einem intensiven In-sich-Hineinhorchen. Im zweiten Jahr kommt es dann auf die Beweglichkeit an, auf das freie Fließen. Das kann nach dem 1. Jahr wie eine Befreiung erlebt werden – und ist es ja auch!

Heute muss man die Studenten nicht, wie zu Steiners, oder auch noch zu Else Klinks Zeiten, aus dem Verhaftet-Sein mit dem physischen Leib herausholen – es muss im Gegenteil darauf geachtet werden, die jungen Menschen da überhaupt erst mal hineinzubringen. Viele z.B. haben als Kinder gar nicht mehr gelernt zu hüpfen. Das sind Herausforderungen! Das ist also neu, das hat sich in der Zeit deutlich verändert.

Das ist mitunter nicht nur ein anstrengender, sondern auch ein schmerzhafter Prozess. Sehr wichtig ist in dieser Phase, dass sich eine gute Balance zwischen der Selbständigkeit des Studenten und der verlässlichen Führung des Dozenten einstellen kann. Überhaupt, Selbständigkeit ist natürlich eminent wichtig in einer künstlerischen Ausbildung! Früher gab es die ersten eigenständigen Soloarbeiten im dritten Ausbildungsjahr. Heute ist die eigenständige Arbeit Teil des Curriculums und beginnt selbstverständlich schon im 1. Jahr. Die Studenten sollen sich in der Eurythmie auf jeder Stufe ihrer Entwicklung ausprobieren können, und sie sollen auch schrittweise zu einer eigenen Künstlerpersönlichkeit mit einer eigenen Sprache heranreifen. Das muss im Studium von Anfang an ermöglicht werden.

In meiner eigenen eurythmischen Arbeit haben sich über die Jahre hin eigentlich zwei Schwerpunktthemen herausgebildet. Obwohl ich ursprünglich ja mehr von der Musik herkomme, war es mir doch immer ein Anliegen, Ton- und Lauteurythmie zu unterrichten, und in der Sprache und Literatur ebenso zuhause zu sein, wie in der Musik. So hat es sich ergeben, dass der eine Schwerpunkt eine toneurythmische Fragestellung behandelt, der andere eine lauteurythmische.

Im Rahmen meines Masterstudiums an der University of Plymouth/GB habe ich meine Frage nach dem so genannten Tonansatz in der Eurythmie tiefer erforschen können. Mehre Arbeiten sind zu diesem Thema entstanden, auch meine Masterthesis mit dem Titel: „Was macht die Toneurythmie zu sichtbarem Gesang?“

Schon im Studium war für mich der besondere „Tonansatz der Stuttgarter“ ein Thema. Im Unterricht wurde das von den Dozenten gar nicht dezidiert thematisiert, aber natürlich wurde entsprechend gearbeitet. Wie bringe ich den Leib in der Toneurythmie zum Klingen? Wo setze ich die Bewegung an?

Ich führte in diesen Forschungsarbeiten damals u.a. auch Interviews mit meinen älteren Kollegen durch. Spannend war, wie die so einheitlich gesehenen Stuttgarter da durchaus unterschiedliche Blickrichtungen und fein differenzierte Standpunkte hatten. Ich selbst bin durch meine Forschungsarbeit zu der Überzeugung gelangt, dass dieser „Ansatz“ in der Toneurythmie eigentlich keine spezielle „Stelle“ (Schlüsselbein) oder ein lokalisierbarer „Punkt“ ist, sondern ein „Raum“! Der Toneurythmieansatz hat auch nichts mit Formführung oder einem Bewegungsansatz zu tun, sondern ist ein tiefer innen liegender Raum, der von uns zum Klingen gebracht werden muss.

In der Ausbildung ringen wir immer mit der Frage, wie man die Toneurythmie so an die Studenten heranbringen kann, dass dieser besondere „Stuttgarter Ansatz“ Erlebnis und Fähigkeit wird. Das Schlüsselbein ist dafür nur das Bild, der eigentliche Ansatz liegt, wie gesagt, nach meiner Auffassung tiefer... Es ist mir sehr wichtig, dass vom ersten Tag des Studiums an ein Klingen und Singen aus der Innerlichkeit durch das Instrument hindurch ermöglicht wird.

Mein Schwerpunkt in der Lauteurythmie ist die moderne Lyrik. Zu Sprache und Dichtung hatte ich schon früh einen starken Bezug, die moderne Lyrik aber ist mir ein ganz besonderes Herzensanliegen geworden. In meiner Anfangszeit am Eurythmeum war moderne Lyrik kein Teil des Unterrichts oder der Bühnenarbeit. Das hat sich glücklicher Weise geändert, nicht zuletzt, weil ich immer wieder moderne Lyrik mit den Studierenden gearbeitet und aufgeführt habe und natürlich durch meine Einstudierungen von Texten und ganzen Lyrik-Programmen mit dem Bühnenensemble, wie den Domin-Abend „Abel, steh auf!“ oder das Programm „Heimkehr ins Wort“. Es hat sich glücklich gefügt, dass ich in unserer Sprachgestalterin Sabine Eberleh eine Liebhaberin und Kennerin für die Moderne gefunden habe. Unsere Zusammenarbeit ist auch eine Art Forschungsarbeit, aber eine, die ganz auf das Künstlerische hin ausgerichtet ist. Immer suchen wir nach adäquaten, neuen Ausdrucksformen für die neuen Sprachformen, die uns begegnen - und es wird viel experimentiert und ausprobiert ... wie z.B. für mein Solostück „Undine“, eine Collage aus Texten von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Das war keine leichte Geburt. Die „Undine“ ist in meiner künstlerischen Biografie aber zu einem zentralen Stück geworden.

Das Eurythmeum ist seit meinem Studium ein Lebenszentrum für mich. Ich komme nur selten dazu, in die Stadt zu gehen. Beim Kochen kann ich mich entspannen. Ich bin ganz bei mir und kann den Gedanken freien Lauf lassen. Ich bin den Tag über beruflich bedingt immer ansprechbar– und genieße deshalb die Momente, wo ich einmal in Ruhe nachdenken kann. Beim Kochen, Autofahren, auf dem Sofa sitzen...

Meine Zukunftsvision für das Eurythmeum? Seitdem ich unterrichte und in dem Maße, in dem ich in den Jahren immer mehr Verantwortung übernommen habe, beschäftigt mich natürlich die Frage, wohin sich das Eurythmeum in der Zukunft entwickeln kann und was dafür zu tun heute notwendig ist. Als weltweit erste Eurythmieschule hat das Eurythmeum Stuttgart eine lange Geschichte vorzuweisen ... tatsächlich, wir gehen ja auf unseren hundertsten Geburtstag zu! Aber das sind die 100 Jahre, die hinter uns liegen. Die dürfen wir feiern, aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen! Gerade haben wir einen Generationswechsel im Kollegium vollzogen: Else Klinks Schüler haben sich im Laufe der letzten Jahre altersbedingt zurückgezogen und wir haben mit jüngeren und mit erfahrenen Dozenten ein neues Kollegium gebildet, das sich vorgenommen hat, eine gemeinsame Stoßkraft für das Eurythmeum der Zukunft zu entwickeln. Voraussetzungen sind eine gegenseitige Bejahung und Förderung, so dass jeder Einzelne die Bereitschaft hat, an sich zu arbeiten und sich zu entwickeln und dass der Stuttgarter Eurythmie-Impuls – bei aller Unterschiedlichkeit – gefühlt, verstanden und vertreten werden kann.

Wenn wir in dieser freien, offenen und doch getragenen Art zusammenarbeiten, wie uns das anfänglich schon gelingt, dann ist das Eurythmeum ein Ort, an dem Menschen gerne Eurythmie studieren. Ein Ort der Offenheit, dessen Impulse aufgenommen werden können, der aber wiederum auch offen ist für andere Impulse. Ein Ort für die Eurythmie. Und für Menschen, die sich mit ihr verbinden wollen.

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