Severin Fraser / Leitung Else Klink Ensemble

sie war schon immer da.

Geboren 1986 in Edinburgh / Schottland, Abitur an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe
2007–2012 Eurythmie- und Bühnenausbildung am Eurythmeum Stuttgart
Seit 2016 als Dozent in der Eurythmie­ausbildung tätig

Ich bin in Schottland geboren, habe jedoch meine Schulzeit an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe verbracht. Meine Mutter, Sieglinde Fraser, war viele Jahre im Else-Klink-Ensemble tätig, mein Vater arbeitete als Lehrer – die Eurythmie war einfach immer da! Wir waren als Kinder regelmäßig in den Aufführungen, meine Mutter hat zuhause geübt, die Formen lagen auf dem Küchentisch, und wenn Freunde und Verwandte kamen, ging es oft um Eurythmie. Ich erinnere mich gut, wie dann immer mit den Armen in der Luft herumgefuchtelt wurde...

Als ich 8 Jahre alt war, sahen wir mit der Schule eine Aufführung des Eurythmeum mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. In der Klasse hieß es danach: „Ja, Eurythmie ist eigentlich voll cool.“ Seit dieser Aufführung hat mich die Eurythmie innerlich bewegt – manchmal bin ich aus dem Träumen aufgewacht und hatte die Arme in der Luft…

Ernst wurde es für mich in der Oberstufe. In der Rolle des „Knaben“ im „Märchen vom Quellenwunder“ habe ich mit meinem Eurythmielehrer Michael Weiss sehr intensiv gearbeitet.

Anders als man mich wohl damals wahrnehmen konnte, habe ich mich in der Oberstufe als ernsthaft empfunden. Äußerlich war ich sehr aktiv beim Sport, Tanzen und Skateboardfahren. In mir aber war ein noch stiller Innenraum, mit einem kaum bewussten forschenden Fragen nach seelischen Zusammenhängen. „Ich suche im Innern“ – diese Worte aus der Eurythmiemeditation von Rudolf Steiner waren in mir anwesend, als Empfindung, noch ohne Worte. Manche Lehrer haben das gesehen, von ihnen fühlte ich mich erkannt.

Impulsiert durch den Künstler Johannes Matthiesen habe ich mich mit dem Gestalten von Orten, der Bildhauerei und der Metamorphose der Pflanze beschäftigt. Steiner und Beuys – da tat sich eine Welt auf. Wir hatten dann mit Freunden die Idee zu einem Projekt: wir wollten den Schulhof aufreißen – die „Versteinerung“ wegschaffen und Neues gestalten – an einer Stelle haben wir das auch geschafft – ein Willensakt! Mit dem Schlaghammer den Asphalt aufreißen, das fühlte sich an wie eine Revolution.

Nach dem Abitur bin ich ein Jahr auf Reisen gewesen, vor allem in Asien, und habe darüber nachgedacht, Philosophie zu studieren. Die Entscheidung für die Eurythmie fiel 2007, als ich wieder zurück war, an einem Dienstagabend beim Anhören der „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi. Mir flossen die Tränen – und dann war es wie ein Blitzschlag. Ich habe sofort Michael Leber angerufen und gefragt, wann das neue Studienjahr beginnt. „Gestern“ – war die Antwort, „aber wenn Sie wollen, können Sie morgen kommen.“ Und zack – war ich dabei, und blieb es auch.

Nach Eurythmie- und Bühnenausbildung ging ich vier Jahre nach Berlin und unterrichtete an den Waldorfschulen in Kleinmachnow und Kreuzberg. In Kleinmachnow betreute ich den Abschluss der 12. Klasse. Das ging wirklich gut! In Kreuzberg hatte ich es mit der 12. Klasse sehr viel schwieriger … daran bin ich aufgewacht, an dem Schreck, was auch schief gehen kann, und ich mir die Frage stellen musste: war mein Interesse wirklich bei der Klasse oder dachte ich nur, ich kann das schon?

Beim Unterrichten am Eurythmeum wird mir das immer deutlich, wie notwendig Ehrlichkeit ist. Wenn ich einen Menschen anschaue, habe ich doch immer auch eine übersinnliche Wahrnehmung – und auch, wenn ich auf das achte, was als Erinnerung von diesem Menschen in mir lebt. Wenn wir auf diese Erfahrungen vertrauen, darin leben, führen wir eigentlich ein ganz konkretes Leben im Übersinnlichen! Wir begreifen den anderen intuitiv als ganzen Menschen, in seiner Tiefe. Aber die schnellen Alltagsurteile hindern dabei.

Das alles sehen und erkennen lernen, und so den Studenten helfen, sich selbst in ihrer Tiefe zu entdecken – das soll die Grundlage meines Unterrichtens sein. Schüler wie Studierende durchschauen ihre Lehrer heute ziemlich umfassend. Und diesem Blick gilt es standzuhalten, unter ihm muss alles abfallen, was nicht Ehrlichkeit ist.

Und damit komme ich eben auch in die Zwischenräume zwischen den Menschen, und spüre, dass vieles nicht durch mich allein, sondern zwischen uns entsteht. „Fähigkeit zur Tat“ heißt es in den Tierkreissprüchen, und da ist es wichtiger, dass ein Impuls wirken kann, als das es „mein“ Impuls sein muss. Die Freude an der Verwirklichung ist dann größer als das Bedürfnis nach persönlicher Anerkennung.

Den Wechsel zwischen Bühne und Unterricht zu gestalten – da bin ich noch am Üben. Man steht in beiden Bereichen völlig anders in der Eurythmie drinnen! Wenn ich nach intensivem Unterrichten am Dienstagnachmittag in der Probe stehe – das kann sich wie eine kalte Dusche anfühlen. Aber die beiden Bereiche befruchten sich sehr, die Inspirationen aus dem Unterricht gehen in die Kunst und umgekehrt.

Als Lehrer bin ich einerseits eine Art „Diener“ der Individualitäten, die sich entwickeln wollen. Da geht es gar nicht um mich. Und andererseits wollen die Studenten auch an mir meinen eigenen, persönlichen Umgang mit der Eurythmie erleben. Als Künstler ist man je nach Stück wieder anders gefragt. Ich bin Gefäß für die Eurythmie – und trotzdem bin ich auch total persönlich darin. Als Künstler erlaube ich mir leichter Fehler wie als Lehrer! Ich möchte mir sogar Fehler erlauben, experimentieren, am Widerstand ringen, in die Einseitigkeiten, meine Schwächen hineingehen und entdecken: wer bin ich in der Kunst?

Den Geist in Stoff zu verwandeln – dieses Ereignis, darum geht es. Das Übersinnliche und das Sinnliche kommen zusammen, für einen kurzen Moment des „Jetzt stimmt es!“. Das ist ein Fest, wenn das in einer Aufführung entsteht, nach diesem Moment sehnen wir uns alle, für ihn machen wir die ganze alltägliche Arbeit.

Mein Leben in Stuttgart? Tja – ich mache mir schon etwas Sorgen um die Stuttgarter, es ist eine sehr erfolgreiche Stadt, die sich scheinbar mit vielen Fragen der Zeit nicht auseinander zu setzen braucht, weil es uns hier sehr gut geht. Daraus entsteht eine Art Stumpfheit, die das Künstlerische verdrängt. Wir sollten da sehr wach bleiben.

In der Pizzeria hier kann ich einfach abschalten! Es gibt gute Pizza, nette Leute – hier kann ich mal eine Stunde ganz sorglos sein. Die Intensität bei uns da oben auf dem „Hügel“ ist groß!

Meine Vision für das Eurythmeum: Ich wünsche mir, dass jeder Einzelne, der hier ist, die Möglichkeit hat, sein volles Potenzial kennenzulernen und zu entwickeln. In der Bejahung seiner selbst und in der Bejahung der anderen. Was einen beschränkt, ist die Angst. Das Eurythmeum soll ein angstfreier Ort sein. Daraus möchte ich die Bühnenarbeit ergreifen!

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