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den gan­zen
men­schen.

Geschichte

Rudolf Steiner

Er ist eine der inspirierendsten Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts: Rudolf Steiner, Philosoph und Geistesforscher, der in fast 6000 Vorträgen und etlichen Büchern darlegt, wie man Mensch und Welt in weit gespannten Zusammenhängen betrachten kann.

Das geht von präzis gefassten erkenntnistheoretischen Gedanken[1] über Fragen der Selbsterkenntnis des Menschen und der inneren Schulung[2] bis zu ganz lebenspraktischen Ausführungen, die in Pädagogik, Kunst, Medizin, Landwirtschaft und sozialer Gestaltung in vielfacher Weise wirksam geworden sind.[3]

Steiners Werk bietet einen Reichtum an Perspektiven, die sich jedem Suchenden immer wieder neu erschließen können.

Dabei legt Rudolf Steiner großen Wert darauf, dass Geistesforschung geprüft werden darf und nicht geglaubt werden muss:

Um die [geisteswissenschaftlichen] Tatsachen zu erforschen, muss man die Fähigkeit haben, in die übersinnlichen Welten hinein zu treten. Sind sie aber erforscht und werden sie mitgeteilt, so kann auch derjenige, welcher sie nicht selber wahrnimmt, sich eine hinreichende Überzeugung von der Wahrheit der Mitteilungen verschaffen. Ein großer Teil derselben ist ohne weiteres dadurch zu prüfen, dass man die gesunde Urteilskraft in wirklich unbefangener Weise auf sie anwendet.[4]

 

Seine Geistes­wissen­schaft nennt Rudolf Steiner Anthro­posophie – die Weisheit vom Menschen.

Sie beschreibt den Zusammenhang zwischen individueller und menschheitlicher Entwicklung, zwischen Erde, Kosmos und einer geistigen Welt. Anthroposophie ist kein Bekenntnis, sondern eine Methode, mit der das Spirituell-Geistige auf einem bewussten Erkenntnisweg gefunden werden kann. Dieser Weg steht grundsätzlich jedem Menschen offen:

„Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann.“[5]

Eurythmie und Anthroposophie sind miteinander verwoben, beide fordern einen bewussten Umgang mit dem inneren Menschsein:

„Diese neue Bewegungskunst kann nur jemand ausführen, der anerkennt und in der Überzeugung lebt, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht.“[6]

Geometrie und Goetheanismus

Rudolf Steiner wird am 27. Februar 1861 in Kraljevec (damals Österreich, heute Kroatien) geboren. Sein Vater ist Bahnbeamter, die Familie muss deshalb oft umziehen. Die Grundschule fordert seinen wachen Geist nur wenig, er sucht deshalb begierig nach allem verfügbaren Wissen und kann durch einen ihm wohlgesonnenen Lehrer erste Entdeckungen machen:

„Bald nach meinem Eintreten in die Neudörfler Schule entdeckte ich in seinem Zimmer ein Geometriebuch. Ich stand so gut mit diesem Lehrer, daß ich das Buch ohne weiteres eine Weile zu meiner Benutzung haben konnte. Mit Enthusiasmus machte ich mich darüber her. Wochenlang war meine Seele ganz erfüllt von der Kongruenz, der Ähnlichkeit von Dreiecken, Vierecken, Vielecken; ich zergrübelte mein Denken mit der Frage, wo sich eigentlich die Parallelen schneiden; der pythagoreische Lehrsatz bezauberte mich…. Rein im Geiste etwas erfassen zu können, das brachte mir ein inneres Glück. Ich weiß, daß ich an der Geometrie das Glück zuerst kennen gelernt habe.“[7]

Nach dem Realschulabschluss studiert er mit Hilfe eines Stipendiums vier Jahre lang Mathematik und Naturwissenschaften an der Technischen Hochschule in Wien. Dieses Studium ist ihm aber nicht genug: Nebenher besucht er als Gaststudent Vorlesungen und Seminare in Philosophie, Geschichte und Literatur an der Universität in Wien. Allerdings muss er sein Studium aus Geldmangel ohne Abschlussprüfung abbrechen und kann erst 1891 an der Universität Rostock mit einer Arbeit zur Erkenntnistheorie promovieren.[8]

1890 wird Rudolf Steiner Mitarbeiter am Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar und besorgt die Herausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften zu Botanik, Geologie und Farbenlehre. Aus Goethes Art der Naturbetrachtung entwickelt Steiner später den Goetheanismus, eine phänomenologisch und qualitativ ausgerichtete Wissenschaftsmethodik, die die Welt nicht durch abstrakte Modellvorstellungen und spekulative Theorien zu verstehen sucht, sondern dieses Verständnis durch „anschauende Urteilskraft“ (Goethe) in den Phänomenen selbst findet.

„Das reine Anschauen, das ist dasjenige, was Goethe gesucht haben will. Und den Verstand wollte er nur dazu benützt haben, um die Phänomene so zusammenzustellen, daß sie selbst ihre Geheimnisse aussprechen. Goethe wollte eine hypothesenfreie, eine von Verstandeskombination freie Naturforschung haben."[9]

Nach der Zeit in Weimar lebt Steiner einige Jahre in Berlin und ist in der Arbeiterbildungsschule und in der theosophischen Gesellschaft aktiv. Später geht er in die Schweiz, wo die 1913 gegründete Anthroposophische Gesellschaft dann in Dornach bei Basel ihr Zentrum findet. Unter Steiners Leitung wird dort in den Jahren 1913 bis 1920 das erste Goetheanum erbaut – mit tatkräftiger Hilfe von Menschen aus aller Herren Länder, die sich trotz des Ersten Weltkriegs zu dieser gemeinsamen, völkerverbindenden Arbeit zusammenfinden. Der Bau wird schon Silvester 1922/23 durch einen Brand völlig zerstört. Ein zweiter Bau, zu dem Steiner noch die Pläne gezeichnet hat, kann erst nach seinem Tod 1925 errichtet werden. Das neue Goetheanum mit seinen kühnen Schwüngen gilt als Pioniertat im Betonbau, als „eine der einzigartigsten architekturplastischen Erfindungen, die das 20. Jahrhundert aufzuweisen hat“.[10] Steiners „Organische Architektur“ beeindruckt und beeinflusst Architekten wie Le Corbusier, Henry Van de Velde, Frank Lloyd Wright und Alvar Aalto.

In diesen produktiven Jahren wird Rudolf Steiner auf vielen Arbeitsfeldern tätig. Neben den allgemein menschlichen, den geisteswissenschaftlichen und den philosophischen Themen entwickelt er grundlegende Ideen zu sozialen Reformen (Soziale Dreigliederung), eine neue, künstlerisch verstandene Art der Pädagogik (Waldorfpädagogik, Heilpädagogik), eine Erweiterung der Medizin (gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegman) und der Naturwissenschaften, eine zur Heilung der Erde beitragende, biologisch-dynamische Landwirtschaft und Erneuerungsimpulse für das Religiöse (Christengemeinschaft).

Rudolf Steiner stirbt im März 1925 nach schwerer Krankheit in seinem Atelier in der Dornacher Schreinerei am Goetheanum, wo er noch bis zum Ende an den „Anthroposophischen Leitsätzen“ schreibt.[11]

Weltmensch und Künstler

Zu Lebzeiten ist Steiner eine wichtige Figur im allgemeinen Kulturleben.

Er steht in Kontakt mit Albert Schweitzer, Stefan Zweig und Else Lasker-Schüler. Albert Einstein, Selma Lagerlöf und Wassily Kandinsky hören seine Vorträge, Piet Mondrian schreibt ihm Briefe, Franz Kafka sucht bei ihm Rat. Für Dichter und Schriftsteller aus aller Welt wie Christian Morgenstern, Michael Ende, Edith Södergran, Jorge Luis Borges, Andrej Belyi und Jacques Lusseyran, für Musiker wie Bruno Walter und Viktor Ullmann und für bildende Künstler von Hilma af Klint und Paul Klee über Josef Beuys bis zu Konstantin Grcic oder Olafur Eliasson ist Rudolf Steiner bis heute eine entscheidende Bezugsgröße.

Sogar als Künstler wird Rudolf Steiner aktiv. Er impulsiert Malerei, Möbeldesign und plastische Kunst, vefasst große Dichtungen (Mysteriendramen und Spruchdichtungen) und erarbeitet gemeinsam mit Marie Steiner-von Sivers ein ganz neues Verständnis der gesprochenen Sprache (Sprachgestaltung). 

Und er begründet, ebenfalls mit Marie Steiner-von Sivers, eine neue Bewegungskunst: die Eurythmie.

Rudolf Steiner und die Eurythmie

Die Ausgestaltung der eurythmischen Kunst beruht auf der sinnlich-übersinnlichen Einsicht in die ausdrucksvolle Bewegungsmöglichkeit des menschlichen Körpers.[12]

Am Beginn der Eurythmie steht ein junges Mädchen, das einen Beruf sucht, sie möchte „irgendeine rhythmische Gymnastik, lieber noch Tanzkunst" lernen.[12] Die 17jährige Lory Smits (später Maier-Smits) erhält 1912 von Rudolf Steiner die ersten Angaben zu einer „neuen Bewegungskunst auf geisteswissenschaftlicher Grundlage“.

Zunächst muss sie sich vorbereiten: Sie soll Alliterationen schreiten, sich genau anatomische Kenntnisse des menschlichen Bewegungsapparates (Knochen, Gelenken, Muskeln und Bänder) aneignen, griechische Plastiken betrachten, Sprachübungen machen und mit den Füßen schreiben lernen. Denn in der neuen Bewegungskunst geht es vor allem um bewegte Sprache.

Die allererste Übung, die Lory bekommt, ist Anfang September 1912 das eurythmische IAO:

„Stellen Sie sich aufrecht hin und versuchen Sie eine Säule zu empfinden, deren Fußpunkt der Ballen Ihrer Füße und deren Kopfpunkt Ihr eigener Kopf, Ihre Stirne ist. Und diese Säule, diese Aufrechte, lernen Sie empfinden als I….
Nun verlegen Sie den Kopfpunkt der Säule hinter den Fußpunkt, und das lernen Sie empfinden als A. Und als drittes: Neigen Sie den Kopfpunkt der Säule vor den Fußpunkt und lernen Sie so ein O empfinden.“[12]

Lory Smits auf einem blühenden Kirschbaum, ca. 1905/06

Mitte September 1912 findet in Bottmingen der erste „Eurythmie­kurs“ statt.

Und dann ist das junge Mädchen wieder allein und arbeitet in aller Stille die erhaltenen Anweisungen aus, bis Rudolf Steiner ihr im April 1913 neue Übungen geben kann. Dabei weist er stets auch auf pädagogische und therapeutische Wirkungen hin – alle Bereiche der Eurythmie sind von Anfang an mit einbezogen.

Bald kommen drei weitere junge Frauen dazu: Annemarie Donath, Elisabeth Dollfus und Erna Wolfram. Die kleine Gruppe übt voller Elan, und wird dann gleich für die in München entstehenden „Mysteriendramen“ engagiert, um Elementarwesen (Gnomen und Sylphen) darzustellen – und den schauspielerisch Beteiligten erste Stunden in der „neuen Bewegungskunst“ zu geben! Bei einer kleinen Aufführung motiviert Rudolf Steiner die zuschauenden Anthroposphen:

„Und so wäre es schön, wenn namentlich unsere Jugend – bis zum sechzigsten, siebzigsten Lebensjahr – Verständnis erwerben würde für diese Eurythmie, welche in immer anderer Weise die geistige Welt auf den physischen Plan heruntertragen möchte.“[12]

Der folgende Eurythmiekurs findet im Sommer 1915 in Dornach statt, neben den bereits Genannten nehmen auch Tatjana Kisseleff (die bald für die Eurythmiekurse am Goetheanum verantwortlich sein wird), Mieta Waller und Alice Fels (die spätere Leiterin des ersten Eurythmeum in Stuttgart) teil.

In Dornach bildet sich bald eine kleine Gruppe, die regel­mäßige Dar­bietun­gen gestaltet. Und so wächst die Euryth­mie in viel­fältiger Weise durch die Menschen, die sich mit ihr ver­binden und sie mit Begeiste­rung zu ihrer Sache machen.

Auch Marie Steiner- von Sivers stellt sich in den Dienst der Eurythmie: sie rezitiert unermüdlich und begleitet Proben und Übstunden. Rudolf Steiner ist so oft als möglich dabei, er gibt immer wieder neue Anregungen und Hinweise und gestaltet wunderschöne Choreographien.

1919 findet die erste öffentliche Eurythmieaufführung in Zürich statt, gleichzeitig entstehen durch die Fragen von Hendrika Hollenbach erste Ansätze zu einer Toneurythmie. Und nur drei Jahre später schon wird Alice Fels beauftragt, mit dem Aufbau einer Schule für Eurythmie in einer kulturell regen Großstadt zu beginnen – Rudolf Steiner ist es wichtig, dass sich die werdenden Eurythmisten nicht nur mit der Anthroposophie, sondern auch mit den jeweils aktuellen Kulturströmungen auseinandersetzen.

Es ist notwendig, daß die Eurythmie, wenn sie ernsthaft vom Eurythmeum aus zum wirklichen Ansehen kommen soll, so betrieben werde, daß die Leute, die da herauskommen, nicht nur handwerksmäßige Eurythmisten sind, sondern im Ganzen gebildete Menschen werden.[13]

Lory Smits mit der Seelengeste „Ich schaue auf“, 1913

Christina Lossen

sie ist eine kostbarkeit.

Anthroposophie und Eurythmie geben sich gegenseitig Halt, das erlebe ich täglich. Die Eurythmie ist ein Lernfeld, in dem ich viel über mich erfahre, körperlich wie seelisch. Sie hilft mir, mich zu entwickeln. Vielleicht werde ich später im Kindergarten arbeiten – Eurythmie ist eine Kostbarkeit für die kleinen Kinder, das habe ich selbst an ihnen erlebt.

Ein Blick in die Zukunft

Seit den Anfangszeiten hat sich die Eurythmie in vielfältger Weise weiter entwickelt. Sie wird an fast allen Waldorfschulen weltweit unterrichtet, ist als Heileurythmie therapeutisch erfolgreich und hat immer wieder künstlerische Blütezeiten in großen und kleinen Projekten erlebt, an denen das Eurythmeum in Stuttgart oft beteiligt war.

In der Eurythmie liegt das Potenzial, dass sich der seiner selbst bewusste Menschen in seinem Denken, Fühlen und Handeln in Einklang bringt mit den großen kosmischen Gesetzen. Diese der Eurythmie innewohnende Schöpferkraft kann von jeder Generation neu entdeckt und weiter ausgebildet werden.

 

„Man darf glauben, daß diese Kunstform, die heute noch im Beginn ihrer Entwickelung steht, sich wird unbegrenzt vervollkommnen können; denn ihr Werkzeug ist in einem umfassenderen Sinne der Mensch selbst, als dies bei anderen Kunstformen der Fall ist.“[14]

1 Beispielsweise: 1886 „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“, GA 2; 1894 „Die Philosophie der Freiheit“ GA 4; 1922 „Grenzen der Naturerkenntnis“, GA 322 und viele weitere
2 1904 „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“, GA 12, Dornach 1993; 1908 „Die Stufen der höheren Erkenntnis“, GA 12; 1909 „Die Geheimwissenschaft im Umriss“, GA 13; 1912 „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen“, 1923 GA 16; „Initiations-Erkenntnis“, GA 227 und viele weitere
3 1919 Begründung der Freien Waldorfschule; Kunst: Eurythmie, Malerei, organische Architektur, Plastik und vieles mehr; 1920-25 Begründung der anthroposophisch erweiterten Medizin, 1924 biologisch-dynamische Landwirtschaft (demeter) und 1919 soziale Dreigliederung
4 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“, siehe Fußnote 2
5 Siehe Fußnote 4
6 „Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie“, GA 277a
7 1925 in"Mein Lebensgang", GA 28
8 Erweitert veröffentlicht 1892 in „Wahrheit und Wissenschaft“, GA 3
9 1918 in „Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse“, GA 18010 So der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt in „Die Architektur des Expressionismus“, Ostfildern-Ruit 1998 
11 1925 in „ Anthroposophische Leitsätze“, GA 26
12 „Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie“ GA 277a
13 In der ersten Konferenz mit den Lehrern der Eurythmieausbildung in Stuttgart, 1923
14 1924 in "Das Goetheanum", veröffentlicht in "Der Goetheanumgedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart", GA 36
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